Der LEE NRW warnt trotz eines Rekordzubaus der Windenergie im vergangenen Jahr vor Euphorie. Die bundesweiten Ausbauziele für Erneuerbare Energien stellen das Energieland Nordrhein-Westfalen vor große Herausforderungen.

  • Einmaliger hoher Zubau von 312 Windenergieanlagen mit 868 Megawatt (MW) im Gesamtjahr 2017. Vorzieheffekte durch verschlechterte Gesetzeslage trüben Prognose: Einbruch um 50 Prozent für 2018 erwartet.
  • Zubau der Solarenergie seit Jahren schleppend: 2017 insgesamt nur ein Zubau von 195 MW mit 11.469 Anlagen. NRW muss Potential auf Dachflächen im urbanen Raum ausnutzen. Photovoltaik (PV) und E-Mobilität ideale Partner: selbstgenutzter Solarstrom muss von der EEG-Umlage befreit werden.
  • Energie aus Biomasse wird als Multitalent für Strom, Wärme und Kraftstoff weiterhin verkannt: der Zubau stagniert. Aktuell sind rund 1.285 Anlagen mit 790 MW am Netz. Darunter sind etwa 623 Biogasanlagen (295 MW).
  • Aktuell stabilisieren 435 Wasserkraftanlagen mit 480 MW zuverlässig das Netz, darunter zwei Pumpspeicherkraftwerke. Im flexiblen Energiesystem der Zukunft ist die Wasserkraft in NRW ein wichtiger Bestandteil und kann als verbrauchernahe und zuverlässige Energiequelle den Verbund der Erneuerbaren Energien optimal ergänzen.
  • Die Hälfte des Wärmebedarfs aller nordrhein-westfälischen Haushalte (271 Terrawattstunden) kann durch Geothermie gedeckt werden (Potenzial 154 TWh). Aktuell sorgen rund 53.000 erdgekoppelte Wärmepumpen für nachhaltige Wärmeerzeugung in NRW.

 

Dipl.-Ing. Reiner Priggen, Vorsitzender des LEE NRW, rechnete heute in Düsseldorf vor, dass NRW noch einen weiten Weg vor sich hat: „Die neue Bundesregierung gibt als Ziel vor, bis 2030 einen Anteil von 65 Prozent Erneuerbare Energien am Stromverbrauch zu erreichen. Nach unseren Berechnungen ist dafür ein jährlicher, bundesweiter Zubau von jeweils 4000 MW Windenergie und PV notwendig. Nimmt man als Richtschnur für die regionale Verteilung den Königsteiner Schlüssel bedeutet das für NRW einen jährlichen Zubau von jeweils rund 800 MW PV und Wind. Davon sind wir aktuell weit entfernt. Das 2017er Rekordergebnis bei der Windenergie darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Ausbaueinbruch bevorsteht. Dieses Ergebnis wird sich absehbar so nicht wiederholen, da die Rahmenbedingungen sich dramatisch verschlechtert haben.“

Beim Ausbau der Erneuerbaren Energien sei Kontinuität wichtig, damit Ausbau- und Klimaziele erreicht werden, so Priggen. Auch für den Erhalt zehntausender Arbeitsplätze brauche die Branche Planungssicherheit. Industriepolitisch sei das hin und her bei der Energiewende fahrlässig: „Wer sich zu den Klimazielen bekennt, muss auch alles tun, um sie zu erreichen“, sagte Priggen und ergänzte: „Mit den geplanten Einschränkungen der Windenergie in NRW wurde Verunsicherung gestiftet. Es gibt zwar einen generellen Unterstützungswillen, aber letztlich wird der Erfolg einer Entfesselung in Megawatt gemessen. Und da sieht die Prognose nicht gerade rosig aus.“ Die Landesregierung müsse von restriktiven Maßnahmen gegen die Windenergie in NRW abrücken. Um Schwung in die Entwicklung der Photovoltaik zu bringen, könne NRW mit Anlagen auf landeseigenen Gebäuden vorangehen: „Für die Photovoltaik brauchen wir neue Wachstumsimpulse und veränderte Bedingungen im EEG. Obwohl wir im städtisch geprägten NRW genügend Dachflächen dafür haben, bleibt die Solarenergie seit Jahren weit hinter den Potenzialen zurück“, kritisierte Priggen.

Pläne der Landesregierung, das Land zum führenden Anbieter für Elektromobilität zu machen, seien äußerst begrüßenswert, erhöhten aber auch den Druck: „Derzeit wird viel über die Luftqualität in den Innenstädten, einen Kohleausstieg und belgischen Atomstrom diskutiert. Die Lösung dafür ist immer die gleiche: eine konsequente Energiewende samt Verkehrs- und Wärmewende. Dafür muss NRW als Industriestandort mit extrem hohem Stromverbrauch, entsprechend hohen Emissionen sowie Millionen Haushalten und Pendlern deutlich zulegen bei den Erneuerbaren.“

 

NRW hinkt beim Anteil Erneuerbarer Energien hinterher

In Nordrhein-Westfalen liegt der Anteil regenerativer Energie am Stromverbrauch erst bei etwa 12,5 Prozent. Den größten Anteil hat daran die Windenergie mit 5,5 Prozent, gefolgt von Bioenergie (3,1 %) und Solarenergie (2,6 %). Damit liegt NRW auf dem letzten Platz der Flächenländer und insgesamt auf dem drittletzten Platz, nur noch gefolgt von den Stadtstaaten Hamburg und Berlin. Bundesweit haben die Erneuerbaren Energien bereits einen Anteil von 36 Prozent am Stromverbrauch erreicht.

Die Regierungsbezirke werden von Detmold angeführt. Hier haben regenerative Energien bereits einen Anteil von 27,9 Prozent am Gesamtstromverbrauch. Münster folgt mit 22,4 Prozent. Arnsberg steht mit 10,5 Prozent Anteil auf Platz drei, Köln mit 8,5 Prozent auf Platz vier. Den letzten Platz belegt Düsseldorf mit sechs Prozent (Stand Ende 2016).

Installierte Leistung Erneuerbare Energien: Regierungsbezirk Münster knapp vor Detmold, Kreis Paderborn vorne weg

Bei der insgesamt installierten Erneuerbare-Energien-Leistung liegt der Regierungsbezirk Münster mit 3162 MW an erster Stelle. Auf Platz zwei folgt Detmold mit 2702 MW. Platz drei geht mit 2038 MW an Köln, gefolgt von Arnsberg auf Platz vier mit 1790 MW. Der Regierungsbezirk Düsseldorf steht mit 1655 MW auf dem letzten Platz.

Bei den Kreisen liegt Paderborn unangefochten auf Platz eins mit 1179 MW installierter Erneuerbare-Energien-Leistung. Auf Platz zwei folgt Borken aus dem Münsterland mit 912 MW. Platz drei geht an Steinfurt mit 893 MW.

 

Entwicklung der Windenergie zuletzt gut – Prognose schlecht

Entwicklung: Die Windenergie hat sich in Nordrhein-Westfalen zuletzt gut entwickelt und verzeichnete 2017 einen Rekordzubau von insgesamt 868 MW. Das entspricht 312 neuen Windenergieanlagen (WEA) im Land. Der Großteil davon entfiel auf den Regierungsbezirk Münster mit 108 neu installierten Anlagen (324 MW). Es folgen die Regierungsbezirke Detmold, mit 59 Anlagen (154 MW), sowie Köln und Düsseldorf mit jeweils 57 Anlagen (jeweils 153 MW). Das Schlusslicht ist der Regierungsbezirk Arnsberg mit nur 31 WEA (84 Megawatt). Die Rangliste der Kreise führt Borken im Münsterland an: Hier wurden 57 Anlagen mit 174 MW in Betrieb genommen. Nur eine WEA ging im Rhein-Sieg-Kreis ans Netz.

Bestand: Insgesamt sind damit 3583 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 5419 MW in NRW am Netz. Regional ist die Verteilung sehr unterschiedlich. Im Regierungsbezirk Detmold stehen die meisten Anlagen: 1003 (1498 MW). Es folgen Münster (964 Anlagen, 1471 MW), Köln (629 Anlagen, 1136 MW), Arnsberg (610 Anlagen, 722 MW) und Düsseldorf (377 Anlagen, 591 MW).

Prognose: Für das Jahr 2018 erwartet der LEE NRW einen Zubau von etwa 400 MW. Das entspricht nur der Hälfte des Zubaus von 2017. Der LEE NRW fordert, dass nur bereits genehmigte Projekte an den künftigen Ausschreibungen teilnehmen dürfen. Darüber hinaus müssen zusätzliche Volumen ausgeschrieben werden, um den kontinuierlichen Ausbau zu gewährleisten.

 

Entfesselung der Solarenergie durch PV auf landeseigenen Gebäuden vorantreiben

Entwicklung: Nach äußerst mageren Jahren konnte die Photovoltaik leicht zulegen. 2017 wurden NRW-weit 11.469 Anlagen mit einer Leistung von 195 MW ans Netz gebracht. Die Verteilung des Zubaus in den Regierungsbezirken war relativ gleichmäßig: Mit etwas Abstand führt Münster die Liste mit 56 MW an. Es folgen Detmold (39 MW), Düsseldorf (36 MW), Köln (35 MW) und Arnsberg (30 MW). Auch bei der Photovoltaik liegt 2017 der Kreis Borken im Münsterland an der Spitze: 664 Solaranlagen mit 19 MW Leistungen gingen hier ans Netz. Auf Platz zwei liegt, wie bei der Windenergie, der Kreis Paderborn mit 363 Anlagen (12 MW).

Bestand: Der Anlagenbestand beläuft sich insgesamt auf 252.365 Photovoltaikanlagen mit 4618 MW Gesamtleistung. Die meisten Anlagen sind im Regierungsbezirk Münster installiert: 62.506 Anlagen (1317 MW). Es folgen Demold (51.825 Anlagen, 984 MW), Köln (49.937 Anlagen, 767 MW), Arnsberg (45765 Anlagen, 719 MW) und Düsseldorf (42.332 Anlagen, 830 MW).

Das Land NRW sollte mit der Installation von PV-Anlagen auf landeseigenen Gebäuden vorangehen, um neue dynamische Wachstumsimpulse in Gang zu setzen. Darüber hinaus muss auf Bundesebene die EEG-Umlage auf den Eigenverbrauch von Solarstrom als unnötige Belastung gestrichen werden.

 

Erdwärme, Bioenergie und Wasserkraft mit Potenzial

Nach derzeitigem Stand decken 623 Biogasanlagen mit einer installierten Leistung von 295 MW den Strombedarf von über 450.000 Haushalten in Nordrhein-Westfalen. Insgesamt erzeugen 1285 Anlagen aus Biomasse Strom, Wärme und Kraftstoffe. Bioenergie bewährt sich weiterhin als systemstabilisierende Regelenergie. Dennoch wird die Erweiterung von Bestandsanlagen durch bürokratische Hürden erschwert.

Die Wasserkraft ist in Nordrhein-Westfalen gut ausgebaut. Dennoch gibt es ein Potenzial von 24 MW, das umweltverträglich ausgeschöpft werden muss. Damit können 35.000 Haushalte pro Jahr mit regenerativem Strom versorgt werden. Aktuell sind in Nordrhein-Westfalen 435 Anlagen mit 480 MW Leistung am Netz (inkl. zwei Pumpspeicherkraftwerke mit 293 MW). Die Rangliste führt bei der Wasserkraft der Regierungsbezirk Arnsberg mit 228 Anlagen (390 MW) an. Es folgen Detmold mit 97 Anlagen (13 MW), Köln mit 58 Anlagen (44 MW) sowie Düsseldorf mit 24 Anlagen (32 MW) und Münster mit 28 Anlagen (1,3 MW).

Bei der nachhaltigen Wärmeversorgung hat sich die Wärmepumpe etabliert. Allerdings werden die Potenziale noch verkannt. Aktuell erzeugen rund 53.000 erdgekoppelte Wärmepumpen nachhaltige Wärme in NRW. Weitere etwa 110.000 Wärmepumpen erzeugen klimafreundliche Energie aus Umweltwärme aus Wasser und der Luft. Nordrhein-Westfalen hat genug Potenzial (154 TWh), um den Wärmebedarf der Hälfte aller Haushalte (271 TWh) mit Erdwärme zu decken. Da über 40 Prozent der Energie im Gebäudesektor verbraucht wird, kommt diesem Bereich eine große Bedeutung zu, wenn die Klimaziele erreicht werden sollen. Förder- und Informationsprogramme können dazu beitragen, dass künftig nachhaltige und klimaneutrale Erdwärme Öl- und Gasheizungen ersetzt, die noch immer acht von zehn verkauften Heizgeräten ausmachen.

 

Erneuerbare Energien als Wirtschaftsfaktor in NRW

Rund 44.000 der bundesweit 340.000 Arbeitsplätze im Bereich der Erneuerbaren Energien sind in Nordrhein-Westfalen angesiedelt. Die Investitionen der Branche belaufen sich Jahr für Jahr bundesweit auf ca. 15 Milliarden Euro. Wachstumstreiber ist und bleibt die Windenergie mit einem Anteil von 10 Milliarden: Am Standort NRW wurden 2016 und 2017 weit über zwei Milliarden Euro investiert. Zusätzlich profitieren die nordrhein-westfälischen Gemeinden von Gewerbesteuereinnahmen in Millionenhöhe. Neben den direkten Investitionen in Anlagen nehmen die wirtschaftlichen Impulse durch den Betrieb der Erneuerbaren Energien kontinuierlich zu und übersteigen regelmäßig sogar die Anlageninvestitionen. Bundesweit beliefen sich diese 2016 auf 15,6 Milliarden Euro.

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