Wie wollen wir in Zukunft leben? Mit unserer gesamtgesellschaftlichen Antwort auf diese Frage steht und fällt auch die Energiewende. Jeder Einzelne wünscht sich eine Zukunft in einer lebenswerten Welt. Doch es gibt viele Baustellen, die bearbeitet werden müssen, um optimistisch in eine solche Zukunft blicken zu können.

Die Energieversorgung ist dabei eine der Großbaustellen. Sich dieser anzunehmen war daher eine der wichtigsten politischen Entscheidungen der vergangenen Jahrzehnte. Der Fortschritt der Energiewende, und damit einhergehend der Ausbau Erneuerbarer Energien, ist eine erfreuliche Folge dieser Entwicklung. Dass der Wandel in den letzten 20 Jahren – im wahrsten Sinne des Wortes – immer sichtbarer geworden ist, führt jedoch auch zu neuen Herausforderungen. Während vor wenigen Jahrzehnten die Energie für die Mehrheit der Bürger schlicht aus der Steckdose kam, können wir heute ganz genau sehen, woher sie kommt: Etwa vom Nachbardach oder vom Windrad auf dem Feld.

Energie ist kein Thema mehr, das die Mehrheit nur aus weiter Ferne stumm zur Kenntnis nimmt. Immer mehr Menschen sehen sich im persönlichen Umfeld damit konfrontiert – und das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Denn auch die Rolle der Bürger wandelt sich mit der neuen Situation.

Insbesondere der Ausbau der Windenergie in Nordrhein-Westfalen – und damit Verbunden der Erfolg der Energiewende – ist heute mehr denn je Thema von Akzeptanzfragen. In der Regel ist es nur eine kleine handvoll Bürgerinnen und Bürgern, die aktiv gegen den Ausbau protestiert. Die Mehrheit zeigt sich weiterhin grundsätzlich offen. Doch es hilft nicht, die Wenigen zu ignorieren – Gehör finden sie in der Bevölkerung und den Medien trotzdem. Weder die Politik, noch die Branche kann es sich deshalb erlauben, das Thema Akzeptanz zu umgehen.

Die aktuelle NRW-Landesregierung hat dazu ihren ganz eigenen Ansatz. Um die Akzeptanz für die Energiewende zu sichern, will sie die Abstände zwischen Windrädern und Wohnbebauung erhöhen. In diesem Monat erst hat NRW dazu ein Bundesratsantrag eingebracht, der die Wiedereinführung der Länderöffnungsklausel zum Ziel hat. Der Gedanke dahinter: Je weiter ein Windrad von den Anwohnern entfernt ist, desto größer fällt die Akzeptanz dafür aus. Doch diese Rechnung hinkt. Bereits anlässlich der erstmaligen Änderung des Baugesetzbuches hat eine Studie 2015 nachgewiesen, dass ein solcher Zusammenhang nicht besteht. Die Akzeptanz wächst nicht mit dem Abstand der Anlagen zum nächsten Haus. Ob in 800 Metern oder 1.500 Metern: Für Anwohner sind offenbar andere Faktoren relevant als der reine Abstand. Akzeptanz ist ein vielschichtiges Thema, dessen Konfliktpotentiale sich auf den unterschiedlichsten Ebenen abspielen. Viel wichtiger als Abstände sind den betroffenen Bürgern beispielsweise die Veränderung des Landschaftsbildes, Umweltschutz, Sicherheit und Gesundheit oder auch das Gerechtigkeitsempfinden bei der Beteiligung an Projekten.

Die Umsetzung der Energiewende ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger ist zu ihrer Bewältigung ein notwendiger Baustein. Nur wenn alle gemeinsam an dem Projekt mitwirken, können wir das Ziel der klimafreundlichen Energiezukunft erreichen. Weder den Bürgern, noch der Windbranche ist deshalb geholfen, wenn man das Thema Akzeptanz mit größeren Abständen abzuspeisen versucht. Es gibt einen Bedarf an deutlich konstruktiveren Lösungen, die auf allen Ebenen die Interessen der Betroffenen berücksichtigen. Möglichkeiten zur Beteiligung an den Einnahmen aus der Windenergie oder die Förderung der kommunalen Infrastruktur steuern beispielsweise deutlich mehr zur Akzeptanzsicherung bei. Deshalb müssen verstärkt solche Konzepte weiterbearbeitet und politisch diskutiert werden. Die geplanten Abstandsregelungen würden nur dazu führen, den Ausbau der Windenergie in NRW zu stoppen. Das hätte nicht nur Folgen für die Erneuerbare-Energien-Branche: Auch die nationalen und internationalen Klimaschutzziele wären dann unerreichbar. Die Zukunft der Energiewende wird momentan auf der Grundlage von längst widerlegten Argumenten aufs Spiel gesetzt. Die Länderöffnungsklausel beseitigt kein einziges Akzeptanzproblem, schafft stattdessen aber viele neue.