Die Preise für Strom, Gas und Benzin steigen seit Wochen. Die Energiemärkte zeigen eindeutig, dass die jahrelang gepflegte Mär vom Kostentreiber Ökostrom sich zusehend in Luft auflöst. Deshalb fordert Reiner Priggen, Vorsitzender des Landesverbandes Erneuerbare Energien NRW, einen schnellen Ausbau erneuerbarer Energien.

Die Meldung des Statistischen Bundesamtes Mitte November hatte es in sich: Danach waren im Oktober die Preise für gewerbliche Produkte verglichen mit dem Vorjahresmonat mit annähernd 20 Prozent so stark gestiegen wie seit 70 Jahren nicht mehr. Zuletzt waren die gewerblichen Erzeugerpreise so deutlich im November 1951 (!) mit einem Plus von 20,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen.

Als eine der Hauptursache für diese Entwicklung haben die Wiesbadener Bundesstatistiker Preissprünge bei Energie ausgemacht, die im Oktober im Durchschnitt um 48,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zulegten. Besonders deutlich verteuerten sich Erdgas (plus 81,4 Prozent) und Strom (49,6 Prozent).
In der gleichen Woche hatte der Zeit-Journalist Henning Sußebach, der für seinen Twitterkanal bislang knapp 7.000 Follower gewinnen konnte, folgenden Post veröffentlicht:

Mit jedem zusätzlichen Windrad und jeder neuen Solaranlage hierzulande würden Lukaschenko und Putin übrigens an Macht verlieren.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem monatlichen Zahlenwerk aus Wiesbaden und dem Twitter-Post von Henning Sußebach? Ja, denn es geht um Energie, genau genommen um fossile Energieträger wie Kohle und Erdgas. Vor allem aber um deren Preise. Die sind in den zurückliegenden Wochen rasant gestiegen, an den Börsen für Strom und Gas sind die Notierungen zuletzt auf lange Zeit nicht gekannten Höchstständen angekommen - eine Entwicklung, die private und gewerbliche Verbraucher bereits zu spüren bekommen.

In diesen Tagen kostet eine Kilowattstunde Strom an den Börsen für das Lieferjahr 2022 etwa 11,5 Cent (mittlerer Preis von Base- und Peak-Future für 2022 zum Handelstag 10. November 2021). Preissetzend sind für diesen Preis immer die teuersten Kraftwerke. Das sind derzeit Erdgaskraftwerke. Und Erdgas ist ein knappes Gut. Um sein Lieblingsprojekt, die Erdgasleitung Nord Stream 2 durch die Ostsee, durchzudrücken, hält Russlands Regierungschef Putin wie es scheint zusätzliche Erdgaslieferungen nach Deutschland zurück. Deutschland wird diesen Winter nicht frieren, aber die Versorgungsituation mit Gas aus Russland war in der Vergangenheit schon wesentlich entspannter.

Angesichts der durch das Anziehen der Konjunktur nach der Corona-Pandemie ausgelösten großen Nachfrage sowie durch Putins Lieferbeschränkungen haben die Preise für Erdgas zuletzt nur eine Richtung gekannt, immer nach oben. Was auf den Strompreis durchschlägt, da Erdgaskraftwerke in der sogenannten Merit Order im Wesentlichen den Börsenpreis bestimmen.

Den steigenden Preisen für fossil erzeugten Strom stehen die kontinuierlich sinkenden Preise für Ökostrom entgegen. Bei der letzten Ausschreibung für Windenergieanlagen an Land, die im September stattfand, lag der durchschnittliche Zuschlagswert bei 5,8 Cent pro Kilowattstunde, Betreiber von solaren Freiflächen erzielen rund 5 Cent je Kilowattstunde.

Diese wenigen Zahlen zeigen, dass die Prognosen der Pioniere der erneuerbaren Energien heute Wirklichkeit sind: **Erneuerbaren Energien sind preiswerter als fossil erzeugter Strom. ** Würde bundesweit mehr Strom durch Wind und Sonne erzeugt, müsste weniger fossile Energie für die Stromerzeugung eingesetzt werden. Dadurch würde nicht nur der CO2-Ausstoß sinken, sondern auch die Preise an den Strombörsen. So schlicht das energiewirtschaftliche Einmaleins.

Deshalb ist die Inbetriebnahme von jeder neuen Windturbine und jeder neuen Solaranlage so wichtig. Diese Ökokraftwerke helfen nicht nur, das Preisniveau Stück für Stück zu senken, sondern sind auch ein Beitrag, dass sich Deutschland aus geopolitischen Abhängigkeiten befreien kann. Es sei an den Twitter-Post von Zeit-Journalist Sußebach erinnert. Ein Mehr an regenerativer Stromerzeugung hätte auch einen unmittelbaren Einfluss auf die Gaspreise, da sich der Gasbedarf von Kraftwerken reduzieren würde. Im Ausbau der regenerativen Stromerzeugung liegt daher der Schlüssel zu sinkenden Energiepreisen. Zudem sind die Preise für regenerative heimische Erzeugung langfristig stabil und unterliegen nicht Weltmarkt-Einflüssen, die die Preise durch Spekulation nach oben treiben können.

Die (Preis-)Schere zwischen regenerativen und fossilen Energien wird immer größer werden. An dieser Stelle sei an eine Studie des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme aus diesem Sommer erinnert. Deren Experten haben errechnet, mit welchen Stromgestehungskosten bis 2040 zu rechnen ist:

  • Aktuell erzielen PV-Anlagen je nach Anlagentyp und Sonneneinstrahlung Stromgestehungskosten zwischen 3,12 und 11,01 Cent/kWh. Die spezifischen Anlagenkosten liegen je nach Anlagentyp bei 530 bis 1.600 €/kWp.
  • Da PV-Batteriesysteme einen wachsenden Markt im deutschen Stromsystem ausmachen, wurden sie in dieser Studie zum ersten Mal in den Vergleich aufgenommen. Die Stromgestehungskosten für PV-Batteriesysteme liegen heute zwischen 5,24 und 19,72 Cent /kWh. Die große Bandbreite ergibt sich durch hohe Kostenunterschiede zwischen den verschiedenen Batteriesystemen.
  • Beim Windstrom führen sinkende Anlagekosten zu Gestehungskosten von 3,94 bis 8,29 Cent /kWh für Onshore-Windenergieanlagen, was sie zur zweitgünstigsten Erzeugungstechnologie macht.
  • Potenzielle neue konventionelle Kraftwerke kommen in Deutschland nicht unter Stromgestehungskosten von 7,5 Cent /kWh.
  • Im Jahr 2040 werden die Stromgestehungskosten auf Werte zwischen 3,58 und 6,77 Cent /kWh bei kleinen PV-Dachanlagen und zwischen 1,92 und 3,51 Cent /kWh bei Freiflächenanlagen prognostiziert. Ab dem Jahr 2024 liegen die Stromgestehungskosten aller PV-Anlagen (ohne Batteriespeicher) unter 10 Cent /kWh.
  • Im Jahr 2030 könnte die Stromerzeugung aus einem PV-Batteriesystem somit günstiger sein als aus einem Gas- und Dampf-Kraftwerk. Im Jahr 2040 können dann selbst kleine PV-Batteriesysteme Stromgestehungskosten zwischen 5 und 12 Cent /kWh erreichen.

Diese Zahlen zeigen eindeutig, dass Erneuerbare Energien der Billigmacher auf dem Strommarkt sind. Die jahrelang gepflegte Mär vom Kostentreiber Ökostrom löst sich zusehend in Luft auf. Nicht umsonst ändern immer mehr Industriebetriebe ihre Beschaffungsstrategien beim Energieeinkauf.

Das Analyse-Institut Aurora Energy Research hat vor kurzem vor einem weiter stockenden Ausbau der Erneuerbaren Energien gewarnt. Würde es beim derzeitigen Schritttempo bleiben, lägen die Großhandelsstrompreise hierzulande im Jahr 2030 um 31 Prozent höher als im ersten Halbjahr 2021. Sollten 2030 noch immer fossile Kraftwerke die Preise an den Strombörsen setzen, würde das auch den CO2-Preis im europäischen Emissionshandel weiter in die Höhe treiben, der dann bis zu 80 Prozent höher als 2021 sein und damit die fossile Energieerzeugung verteuern würde.
Das hätte - so die Warnung der Energiepreis-Analysen - fatale Folgen für die Endkundenstrompreise und die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und europäischen Industrie. Ein beschleunigter Ausbau Erneuerbarer Energien hingegen, der dem Fit-for-55-Paket der Europäischen Union und darüber hinaus gerecht wird, würde den Großhandelsstrompreis im Jahr 2030 gegenüber dem Durchschnitt des ersten Halbjahres 2021 um 14 Prozent senken.

Es gibt für eine zukunftsfähige Energiewirtschaft also nur die Lösung alle Erneuerbaren Energien so schnell es geht auszubauen!

Ansprechpartner

Dr. Ralf Köpke

Pressesprecher

+49 211 93676064
ralf.koepke@lee-nrw.de

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