Hambacher Forst (Bild: BUND NRW / Dirk Jansen)

Seit Jahrhunderten prägt die Art unserer Energiegewinnung die nordrhein-westfälische Landschaft. Die Veränderung der Umgebung wirkt dabei auch als Spiegelbild für den technologischen Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte. Am prägendsten für NRW war in der Vergangenheit sicherlich die Kohlegewinnung. Noch heute sind mehr als deutlich die Spuren erkennbar, die der Kohleabbau in den Regionen hinterlassen hat. Riesige Baggerlöcher, aufgetürmte Halden und qualmende Kraftwerksschlote gehören für viele Nordrhein-Westfalen zum alltäglichen Landschaftsbild.

Doch die Zeiten, in denen Kohle beinahe die einzige Energiequelle war, sind vorbei. Längst stammt ein bedeutender Teil unserer Energie aus erneuerbaren Quellen – und ihr Beitrag wird stetig größer. Dieser technologische Fortschritt macht sich auch im Landschaftsbild bemerkbar. Ob die Windenergieanlage auf dem Feld oder die Solaranlagen auf dem Dach: Energie bleibt sichtbarer Bestandteil des Landes – doch ihre Form verändert sich.

Der weitere Ausbau dieser neuen Technologien ist mit Blick auf die Zukunft des Planeten auch dringend notwendig. Im Kampf gegen den Klimawandel hat Deutschland sich im Pariser Klimaabkommen dazu verpflichtet, bis 2050 weitgehend treibhausgasneutral zu werden. Damit die Bundesrepublik dieses Ziel erreicht, müssen auch auf Landesebene ehrgeizige Maßnahmen in Angriff genommen werden.

Der Ausstieg aus der Kohle ist eine dieser notwendigen Maßnahmen. Auch die Bürgerinnen und Bürger in NRW finden, dass die Regierung schneller handeln muss. Erst im Oktober sind 50.000 Menschen „in den Wald“ gegangen, um für einen schnelleren Ausstieg aus der Kohle zu demonstrieren. Sie wollen nicht hinnehmen, dass der historische Hambacher Forst gerodet wird, nur um dort über viele weitere Jahre hinweg klimaschädliche Braunkohle abzubauen.

Seit den Diskussionen rund um das Waldsterben in den 1980er Jahren stand selten ein Wald so sehr im Fokus der Öffentlichkeit. Und noch seltener kam es dabei so sehr auf die korrekten Begrifflichkeiten an. Diese Crux hat auch während der Hochphase der Proteste zu medialem Unmut geführt. Denn während im Hambacher Forst vehement gegen die Rodung von Bäumen demonstriert wurde, wurden nur wenige Kilometer entfernt, im Aachener Münsterwald, Bäume zugunsten von Windenergieanlagen gefällt. Von Medien und Kohle-Befürwortern wurde dieses Vorgehen schnell als Scheinheiligkeit der Ökostrombranche abgetan. Dabei kommt hier die große Bedeutung von Begrifflichkeiten ins Spiel: Denn Wald ist nicht gleich Wald.

Wald oder Forst?

Vor allem Gegner der Windenergie im Wald stützen sich in ihrer Argumentation häufig auf den besonderen ökologischen Wert der Wälder. Und es stimmt: Wälder bieten wichtigen Lebensraum für eine große Zahl an Tier- und Pflanzenarten, dienen der Erholung der Menschen und tragen als CO2-Verwerter zum Klimaschutz bei. Doch sie erfüllen noch eine weitere Funktion: Forstwirtschaftlich genutzte Wälder sind der Lieferant für die wichtige Ressource Holz. Die Bewirtschaftung von Wäldern hat eine lange Tradition in Nordrhein-Westfalen: Mehr als 38 Milliarden Euro werden pro Jahr in diesem Sektor umgesetzt. Ökologische und ökonomische Interessen schließen sich jedoch nicht aus. So bestimmen strenge Vorgaben, inwiefern ein Wald überhaupt forstwirtschaftlich genutzt werden darf.

Auch wenn in Medien, Politik und alltäglichem Sprachgebrauch beide Begriffe häufig synonym verwendet werden: Es gibt wichtige Unterschiede zwischen Wald und Forst. Als Forste werden bewirtschaftete Wälder bezeichnet, die in der Regel durch monokulturelle Baumbestände künstlich begründet werden und damit ökologisch weniger wertvoll sind. Im ökologisch wertvollen Wald hingegen finden sich unterschiedliche Phasen der Vegetationsentwicklung wieder. Es ist dementsprechend schwer möglich, einen Wald zu pflanzen.

Die Abgrenzung dieser Begrifflichkeiten enthält ein enormes Konfliktpotential. Dieser Tatsache war sich vermutlich bereits in den 1970er Jahren auch der damalige Tagebaubetreiber am Hambacher Wald, Rheinbraun, bewusst. Pünktlich zum Beginn der Rodungen wurde das ursprünglich als Bürgerwald bekannte Areal in Hambacher Forst umbenannt. Der Begriff Forst implizierte schließlich eine wirtschaftliche Nutzung und rechtfertigte damit die Rodung zugunsten des Tagebaus.

Noch heute macht sich die RWE AG diesen Umstand zu Nutze. In ihrer Kommunikation ist weiterhin vom Hambacher Forst die Rede und auch in der Berichterstattung wird in der Regel der Begriff Forst aufgegriffen. Dabei handelt es sich einer strengen Definition nach beim Hambacher Forst eigentlich um einen ökologisch wertvollen Wald, in dem auch bedrohte Tierarten leben. Die aktuelle Klage des BUND, gegen die weitere Abholzung dieses ökologisch wertvollen Waldgebietes, basiert auf der Argumentation, dass der Hambacher Forst als Flora-Fauna-Habitat durch die entsprechende EU-Richtlinie geschützt werden sollte.

Wann ist Wind im Wald erlaubt?

Für den Bau von Windenergieanlagen in bewaldeten Gebieten müssen strenge Auflagen im Artenschutz, Umweltrichtlinien und Sicherheitsbestimmungen beachtet werden. Allen voran darf es sich bei den genutzten Flächen nicht um Laubwälder mit besonders hoher biologischer Wertigkeit – wie dem Hambacher Wald –  handeln. Nur auf Forstflächen, die durch Schadensereignisse freigeräumt wurden (wie etwa durch den Sturm Kyrill), sowie in monokulturell genutzten Nadelholzbestände dürfen Windenergieanlagen in Nordrhein-Westfalen überhaupt aufgestellt werden.

Der Vergleich zwischen der Rodung des Hambacher Forsts und der Umwandlung im Aachener Münsterwald für Windenergieanlagen, ist daher ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen: Die beiden Wälder erfüllen gänzlich unterschiedliche Voraussetzungen. Während auf der einen Seite sehr wertvolle Laubbäume fallen sollen, um die darunterliegende, klimaschädliche Braunkohle zu fördern, werden auf der anderen Seite ohnehin erschlossene Wirtschaftswälder als Standorte zur klimafreundlichen Stromproduktion genutzt.

Auch mit Blick auf die Zahlen wird klar: Der Vorwurf, Windenergieanlagen zerstörten die Wälder, ist völlig unverhältnismäßig.
In NRW stehen zurzeit gerade einmal 67 Windräder im Wald. Ein einzelnes Windrad benötigt dabei etwa 0,28 Hektar an Fläche – weit weniger als ein Fußballfeld. Insgesamt sind etwa 27 Prozent, bzw. 915.800 Hektar, der Fläche NRWs bewaldet. Alle Windräder in NRW-Wäldern beanspruchen zum aktuellen Stand etwa 18,5 Hektar an bewaldeter Fläche. Das ist nur ein minimaler Bruchteil der gesamten Waldfläche – und das auch nur in Gebieten, die ohnehin forstwirtschaftlich genutzt werden dürfen.

Ganz anders sieht es im Hambacher Wald aus: Bei dem Wald handelt es sich um ein ökologisch besonders wertvolles Biotop, dessen besonderer Schutzstatus zurzeit vor Gericht verhandelt wird. Allein für den Tagebau Hambach wurden bisher jedoch bereits 3.500 Hektar ökologisch wertvoller Laubwald gerodet. Eine Fläche, die für 10.000 Windräder reichen würde – das wären etwa drei Mal so viele Windräder, wie in NRW heute insgesamt stehen. Und noch ein wichtiger Punkt: Während aus dem Tagebau einmalig klimaschädliche Braunkohle abgebaut wird, drehen sich die Windräder mindestens 20 Jahre lang und liefern währenddessen dauerhaft klimafreundliche Energie, ohne schädliche Emissionen auszustoßen.

Auch die Bodenversiegelung durch die Anlagen ist in keiner Weise vergleichbar mit der enormen Zerstörung von Fläche durch Tagebauten. Während die Windrad-Fundamente zum größten Teil nach Ende ihrer Nutzung ohne bleibende Schäden zurückgebaut und wieder aufgeforstet werden können, sind die Eingriffe in die Natur durch Tagebauten noch für viele Jahrzehnte erkennbar und in der Regel unumkehrbar. Die mit der Braunkohlenutzung einhergehenden „Ewigkeitskosten“, zeigen als wortwörtlicher Begriff schon auf, wie folgenreich dieser Eingriff ist.

Klimaschutz ist Artenschutz

Um die Klimaschutzziele zu erreichen muss NRW seine CO2-Emissionen effektiv senken. Der dynamische Ausbau der Erneuerbaren Energien und ein sukzessiver Ausstieg aus der Kohle sind daher unverzichtbar. Da NRW zu fast einem Drittel bewaldet ist, ist die Nutzung von ökologisch weniger wertvollen, monokulturell bewirtschafteten Beständen und Kahlflächen für die Windenergie unerlässlich, um dieses Ziel erreichen zu können. Schließlich ist auch für Artenvielfalt und Umwelt der Klimawandel die größte Bedrohung. Um sie effektiv zu schützen, ist es daher sinnvoll, weiter in klimaschützende Maßnahmen, wie den Ausbau Erneuerbarer Energien, zu investieren. Auch weil sie sich bereits nach nur einem halben Jahr energetisch amortisiert haben, sind Windräder eine wirksame Waffe gegen den Klimawandel.